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Masaccio, die Perspektive und Europa Ein Versuch über den Bilderrahmen Leander Kaiser, 1988/2006 pages: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | 19 | 20 | 21 | 22 | 23 | 24 | 25 | 26 | 27 | 28 | 29 | 30 | 31 | 32 | 33 | 34 | 35 | 36 | 37 | 38 | |
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Wir befinden uns hier am Vorabend der Entropie aller mythischen und religiösen Gehalte. Das Zentrum stellt auf sich zurück geworfen nur mehr sich selbst dar. Sein Focus ist der absolute König, von keinem Bild keiner Anschauung konkurriert; und nur diese Fokussierung verhindert die Auflösung der verschiedenen Perspektivierungen in pure Gruppendynamik und der ganzen Gesellschaft in mehr oder weniger ziellose Mitspieler. Im König ist zugleich der Staat, die reale Sphäre des Politischen, das Außerhalb dieses Zentrums vorhanden. Das Auseinander der Gesellschaft wird im absoluten König zu einer Projektion, deren Strahlen durch ihn hindurch ins Auseinander der staatlichen Machtsphäre verlaufen. In der Moderne des 20. Jahrhunderts, speziell nach dem 2. Weltkrieg und noch mehr nach 1970 werden die Kunstwerke zum Substrat willkürlicher Fokussierungen; die Einheit der Anschauung zerfällt, und genauso scheint die Einheit der Person, die dem Werk gegenübersteht, zerfallen. Vollzieht der Betrachter eines Kunstwerks wohlwollend die verschiedenen Perspektivierungen, so wird er gewissermaßen zum Mitspieler der Gruppendynamik des Kunstwerks, ohne sich zugleich das Ganze als Komplexität in der Simultanität gegenüberstellen zu können. Das heißt, das Kunstwerk verliert die intellektuelle Bedeutung, die es für die frühe Neuzeit besessen hatte. Wohl, dass die Erfahrung des Glaubens, die Verzweiflung über Gottes Walten in der Welt, Neid und Neugier, bloße Schaulust die Menschen früher zu den Bildern in der Kirche führte. Doch war es für diese Menschen mit Gruß, Fürbitte, Gebet und Sakrament nicht abgetan. War der Raum durch die Ikone geheiligt, so wird er durch das Renaissancebild welthaft, Ikone ist Anwesenheit des Abbilds und damit des Urbilds der Gottheit an dem Ort, Ubergehen des Weltlichen in das jenseitige Wesen des Daseins. Die Ikone ist ein offener Schalter des Himmels für Bitte, Verehrung und Anbetung; zeitweise waren diese Schalter geschlossen. Das neuzeitliche Tafelbild religiöser Thematik repräsentiert dagegen das intellektuelle Leben im geistigen Raum der Religionen. Es ist das Medium, mit der christlichen Weltanschauung wieder ins Reine zu kommen, ein Orientierungssystem des religiösen Denkens. |
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