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Masaccio, die Perspektive und Europa
Ein Versuch über den Bilderrahmen
Leander Kaiser, 1988/2006
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Dass zumindest das westliche Auge der nördlichen Hemisphäre dazu tendiert, von einem anfänglichen Zentrum, in dem die Aufmerksamkeit erregt wird, in einer elliptischen Bahn nach links, dann das Zentrum umkreisend nach rechts zu wandern, um von dort ins Zentrum zurückzukehren, hat die verschiedensten Erklärungen hervorgerufen (das Zentrum selbst ergibt sich aus der eingeschlagenen Bewegungsrichtung respektive aus der Hinwendung des Kopfes auf das, was Aufmerksamkeit erregt). Wenn wir uns selbst beim Sehen beobachten, können wir feststellen, dass die geschilderte Wanderungsbewegung des Auges die normale Weise ist, uns einen Überblick zu verschaffen. Sie ist vielleicht ein Anthropologikum. Die Richtung nach links und von dort nach rechts im Uhrzeigersinn könnte der Asymmetrie der Körperhälften, der Leserichtung oder gar der scheinbaren Sonnenbewegung geschuldet sein. Fest steht, dass es sich nicht nur um eine neuzeitliche Anpassung an Uhr, Schreibrichtung und Straßenverkehr handelt. Am absurdesten ist der angenommene Bezug zur Sonnenbewegung: da müssten wir in der nördlichen Hemisphäre immer nach Süden blicken – die Menschen im Süden müssten entsprechend die Augen von rechts nach links schweifen lassen. Tatsache ist, dass das Gesichtsfeld des linken Auges etwas größer ist; es scheint, dass das, was von dort kommt, schneller Aufmerksamkeit erregt, wogegen das rechte Auge eher ein Ziel fixiert. Es ist klar, dass der Ort höchster Sehschärfe (der Bereich, in dem sich die Sehfelder beider Augen überschneiden) wandern muss, um ein genaues Bild der Umgebung zu ermöglichen. Wenn das Blickfeld auch in der Wanderbewegung annähernd symmetrisch zwischen beiden Augen aufgeteilt bleibt, so ist die Bewegung doch nur als asymmetrische möglich in Rücksicht auf die Komplexität des Sichtbaren. Die grundlegende Asymmetrie ist die der Zeit, aber die Zeit ist gegen rechts und links indifferent. Die Rückkehr zum Ausgangspunkt auf einer elliptischen Bahn stellt die Symmetrie als zirkuläre oder Rotationssymmetrie wieder her.

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