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Masaccio, die Perspektive und Europa Ein Versuch über den Bilderrahmen Leander Kaiser, 1988/2006 pages: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | 19 | 20 | 21 | 22 | 23 | 24 | 25 | 26 | 27 | 28 | 29 | 30 | 31 | 32 | 33 | 34 | 35 | 36 | 37 | 38 | |
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Es gibt keine Gewissheit, Zentrum zu sein außer der, gesehen zu werden von der Peripherie. Die neuzeitliche Kontemplation ist so in der Tat Tanz um eine Mitte, die leer ist , aber indem sie diese Bestimmung auf sich nimmt, ist sie Abstoßung sowohl der Fixierung des Sinns in einem vorgestellten geistigen Sein wie von der eigenen Positivität, unendlich Negativität, Gegenwart. Nahm bei der Ikone oder Götterstatue, die zur Heiligkeit oder Gottheit gebildete Menschengestalt den Mittelpunkt ein und war das andere Attribut, symbolisches Beiwerk, auch die Erzählung diente dem Lob des Heiligen so wie das Decorum rundherum, so bildet sich jetzt durch das Leerwerden der Mitte, des Focus als Mittelpunkt der konzentrierten Aufmerksamkeit die Möglichkeit, die im Raum frei schweifende Wahrnehmung mit der Totalität zu integrieren, durch die Verwandlung des die Aufmerksamkeit Leitenden aus einem Rand, einem Rahmen, in die eigentliche Bildwirklichkeit der zirkulären Komposition, des Kreises, dessen Mitte im Grunde leer bleiben muss sowohl in der Gruppierung des Dargestellten wie in der Gruppierung von Bildwirklichkeit und Betrachter. Damit nun, dass das Decorum, das Rundherum, der Perimeter, die die Abschweifung von der anzubetenden Hauptsache bisher im Rahmen gehalten hatte, nun von der einheitlichen Komposition des Ganzen übernommen worden ist, die den Blick in sich zu bannen weiß ohne noch des Rahmenden prinzipiell zu bedürfen, ist die eigene Erzählweise der Malerei, ihre eigene narrative Struktur in systematisch gegliederter Totalität der Anschauung erst zustande gekommen. Dies bedingt mit auch die Präzedenz des bescheiden gerahmten, fast nur abgegrenzten Frescobilds vor den Tafeln, in deren Struktur länger noch das rahmende Decorum, die kostbare Stofflichkeit als solche verwoben bleibt zuletzt noch im Ultramarinmantel der Madonna. Auch der neuzeitliche Künstler ist meist in der Provinz geboren und aus der Peripherie in die Metropolen gekommen: denn das Zentrum ist trotz der Vorstellung in ihm erst gesehen und anerkannt zu werden, sich selbst nicht sichtbar. Es erblickt sich nur in den Widerspiegelungen der Blicke und Bilder aus der Peripherie: der Spiegelsaal in Versailles, die sich selbst als Le Monde unendlich widerspiegelnde Hofgesellschaft, was aus der Einheit der Steigerung der gesellschaftlichen Bedeutung des Zentrums im Absolutismus und des Bedeutungsverlustes in weltanschaulicher Hinsicht erwächst. |
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