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Masaccio, die Perspektive und Europa Ein Versuch über den Bilderrahmen Leander Kaiser, 1988/2006 pages: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | 19 | 20 | 21 | 22 | 23 | 24 | 25 | 26 | 27 | 28 | 29 | 30 | 31 | 32 | 33 | 34 | 35 | 36 | 37 | 38 | |
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3. Die Kunstgeschichte und die Perspektive Was die Kunsthistoriker des 20. Jahrhunderts über die Raumdarstellung in der Renaissance zu sagen haben, ist das Produkt eines Sehens, das sich nicht sieht. Die Sinne der Theoretiker sind keine theoretischen Sinne. Ihr Gewährsmann ist gewöhnlich Leon Battista Alberti: „Ich beschreibe ein Rechteck von beliebiger Größe, dass ich mir als offenes Fenster vorstelle, durch das ich alles sehe, was darauf gemalt werden soll.“ (Zit. nach Panofsky, Renaissancen, S. 127) Wenn ich in einem Raum weit genug zurücktrete, um alles, was sich mir im Fenster zeigt, auf einem Blick zu überschauen, entspricht meine Anschauung weitgehend einem perspektivisch konstruierten Bild oder einer Fotografie – einmal abgesehen, von unserer Zweiäugigkeit und der Unmöglichkeit Augenbewegungen ohne weiteres Hilfsmittel wie ein Visier auszuschalten. Der perspektivische Raum wäre also der Raum jenseits des Raumes, in dem ich mich selbst befinde, und ich betrachte ihn durch den Rahmen, der beide Räume trennt und das Bild des äußeren Raumes begrenzt. Diese Situation, die der Fensteranalogie Albertis gleichkommt, wird man in der Renaissance-Malerei außer bei reinen Architekturstücken und Dekorationsmalereien nicht antreffen. Albertis Fenster befindet sich in aller Regel hinter den dargestellten Figuren und es erfüllt so eher die Funktion, den Innenraum, in dem zum Beispiel die Madonna ist, eben als einen Innenraum und zugleich als vorgestellte Fortsetzung des realen Raumes, in dem sich der Betrachter befindet, zu akzentuieren. Es ist leicht zu zeigen, dass dies nicht nur für die Werke intimer Devotion gilt, sondern auch für die monumentale Wand- und Tafelmalerei. Die Renaissance erstrebt eben nicht die Entrückung ihrer Gehalte ins Jenseitige und Irreale eines körperlosen, nicht begehbaren und nicht tastbaren Illusionsraumes, sondern die sinnliche Verdiesseitigung der christlichen Weltanschauungsweise. Dass sich nun in der Darstellung dieser dem Betrachter sehr viel näheren Figuren und Räume sehr viel mehr Abweichungen vom Schema der perspektivischen Konstruktion finden als in dem, was man aus der Entfernung durch ein Fenster erblickt, ist oft genug bemerkt worden, doch ohne theoretische Konsequenz geblieben, weil dem mittelmäßigen Theoretiker Alberti offenbar mehr geglaubt wurde als den größten Malern der Renaissance. |
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