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Masaccio, die Perspektive und Europa Ein Versuch über den Bilderrahmen Leander Kaiser, 1988/2006 pages: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | 19 | 20 | 21 | 22 | 23 | 24 | 25 | 26 | 27 | 28 | 29 | 30 | 31 | 32 | 33 | 34 | 35 | 36 | 37 | 38 | |
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Es geht um eine Übersetzung räumlicher Bezüge in die Fläche, die dem spontanen Sehen plausibel, selbstverständlich ist; die keine über das Sehen, die Schau, hinausgehende Glaubensleistung abverlangt. Natürlich gilt das auch für die Renaissance nur cum grano salis . Aber ein Objekt von Beuys verlangt von Betrachter vorerst sicher nicht anschauende Erkenntnis, sondern eine projektive Glaubensleistung, die dem Objekt erst Bedeutung zuschreibt kann und es dadurch lesbar macht. Der ungläubige Thomas war in der religiösen und philosophischen Tradition sozusagen der Esel unter den Aposteln; der garstige Thomas (das ist Masaccio, der Spitzname des Tomaso di Ser Giovanni) macht aus der Eselei eine neue visuelle Intelligenz. Die Konstruktion des Raumes, seine Vermessung, seine abstrakte Kontinuität und Teilbarkeit als Quantität ist selbst schon ein gewaltiger intellektueller Fortschritt gegenüber der organischen Gliederung etwa nach Wegstrecken – erinnern wir uns an ältere europäische und chinesische Kartographie, und das perspektivische Bild ist ein starker Hebel zur Erziehung des Volkes in der neuen Weise anschaulichen Denkens (wenn die Moderne des 20. Jahrhunderts als verkommene Romantik, die sie ist, dies auch als ein Übel gegen den guten Geist des Mittelalters sehen möchte). Auf jeden Fall kann man die Perspektive nicht einmal als bloße illusionistische Rekonstruktion des spontanen Sehbilds abtun, um sie im nächsten Moment als Konstruktion eines beherrschbaren Raumes schuldig zu erklären an allen Übeln der Neuzeit. Ein bedeutender Kunsttheoretiker wie Panofsky gibt meines Erachtens Alberti zwar auch zu viel Ehre, aber er deutet die so verstandene Perspektive weit weniger banal: „So ein Gemälde mit einem Fenster zu vergleichen, bedeutet dem Künstler einen unmittelbaren Zugang zur optischen Wirklichkeit zu zuschreiben oder von ihm zu verlangen: eine notittia intuitiva ..., anschauende Erkenntnis.“ (Panofsky) |
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