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Masaccio, die Perspektive und Europa Ein Versuch über den Bilderrahmen Leander Kaiser, 1988/2006 pages: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | 19 | 20 | 21 | 22 | 23 | 24 | 25 | 26 | 27 | 28 | 29 | 30 | 31 | 32 | 33 | 34 | 35 | 36 | 37 | 38 | |
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Eine kleine Blütenlese. Karlheinz Lüdeking behauptet, dass die „Konzeption des Bildes, die in der Renaissance (vor allem durch Alberti) kanonisiert wurde, ... die europäische Malerei bekanntlich bis ins 19. Jahrhundert“ beherrscht hat. (Was ist ein Bild, S. 351). Heinz Jatho meint, dass die Perspektive „das Modell eines mechanischen, unbewegten Sehens auf (stellt)“ und zitiert Merleau-Ponty, für den sie „die Erfindung einer beherrschten Welt (ist), die man in einer momentanen Synthese ganz und gar besitzt.“ Wenn Ernst Gombrich solchem Verständnis der Raumdarstellung in der Renaissance-Malerei auch noch ein „Augenzeugenprinzip“ hinzugefügt, macht er nolens volens die Perspektive zur Vorgeschichte der Fotografie. In dieselbe Richtung geht auch Gottfried Boehm: „Die perspektivische Rationalisierung des Bildes war eine folgenreiche und faszinierende Leistung. Sie beherrscht unser Alltagssehen und die banalen Reproduktionsmedien weitgehend. Die Kunst der Moderne versuchte sie in angestrengter und konsequenter Arbeit zu unterminieren.“ So wird denn die Perspektive geradezu zum Stigma gemeiner Volkswahrnehmung, der die moderne Kunst des 20. Jahrhunderts mit subversivem Elan gegenübertritt. Genauer gesagt: wenn man die Perspektive einfach als Konstruktion eines Schnitts durch die Sehpyramide auffasst, so ist ihre Leistung identisch mit der einer camera oscura oder eines Fotoapparats und perspektivische Malerei durch Chemikalien, die sich bei Belichtung verändern, ersetzbar. Die Fotografie ist ihrem Begriff nach diese falsche Vorstellung von der malerischen Perspektive. Die Dinge werden, ob sie wollen oder nicht, dem abbildenden Chemismus einverleibt. Die Setzung (Einstellung des Objektivs) ist dieser Schnitt durch den Sehkegel; das Inventar der Abbildung mag wie immer versammelt gewesen sein vor der Linse. Dieses Arrangement findet nicht im Bilde statt, es bleibt trotz aller Kunst außerbildliches factum brutum , von der fotografischen Reproduktion mehr oder weniger ästhetisierend dokumentiert. Die künstlerische Absicht des Fotografen bleibt eine äußerliche Intention, die wir durchschauen , aber sie ist nicht die Sprache, in der wir uns mit einem Bild unterhalten. |
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