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Gespräch Michael Ley und Leander Kaiser

Wien, 2004
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ML: Um Beat Wyss zu zitieren, würde das bedeuten, dass also die Kunst nach 45 in hohem Masse bewusstlos war, sich ihrer Gründe, ihrer Anfänge, ihrer Intentionen nicht mehr bewusst war und dass man gleichsam nur noch die Formen kannte, aber nicht mehr wusste, was man mit den Formen inhaltlich transportiert. Ist das richtig?

LK: Es gibt kein kohärentes Bewusstsein mehr, etwa in der Form, wie es ein Kandinsky gehabt hat, eine voll entwickelte gnostische Theorie, die er in „Über das Geistige in der Kunst“ formuliert hat. Nach 1945 gibt es zwar noch immer diesen Antimaterialismus, Weltverneinung, die immer wieder hervorkommt in der modernen Kunst, und es gibt natürlich auch diesen Glauben an das Geistige und die Seele, oft verbunden mit einem Kult des Gefühls, mit der Ablehnung des vernünftigen Denkens, des Intellekt und des zivilisatorischen Fortschritts. Das wird in Grundpositionen repitiert, aber es kommt zu keiner konzeptuellen, theoretischen Weiterentwicklung. Die Praxis der Epigonen bedarf nicht so sehr der Theorie.

ML: Du sagst, dass die moderne abstrakte Kunst in hohem Masse weltverneinend war. Kann ich daraus den Schluss ziehen, dass eine postavantgardistische Kunst weltbejahend sein müsste, und was würde das bedeuten?

LK: Eine postavantgardistische Kunst müsste einmal davon ausgehen, dass die Intelligenz von Kunst wie jede Intelligenz zunächst darin bestehen muss, die Welt so aufzufassen wie sie ist. Insofern folgt sie einem Realismusgebot, ist sie eine Wiederherstellung einer Position, die am Beginn der modernen Kunst steht, bei Goya und im 19. Jahrhundert. Die Kunst hat nicht den Auftrag, eine Totalveränderung der Wirklichkeit zu fordern oder zu fördern, sondern, innerhalb dieser Wirklichkeit zu wirken, etwas verständlich zu machen, auch zu erfreuen, durchaus zu belehren, den einzelnen Individuen etwas als Orientierungssystem und Medium der Selbstreflexion zur Verfügung zu stellen.

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