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Das Goldene und das Dunkle Ein Versuch über den Bilderrahmen aus: Leander Kaiser, Das Goldene und das Dunkle, 1988 pages: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | 19 | 20 | 21 | 22 | 23 | 24 | 25 | 26 | 27 | 28 | 29 | 30 | 31 | 32 | 33 | 34 | 35 | 36 | 37 | 38 | 39 | 40 | 41 | 42 | 43 | 44 | 45 | |
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V. Das Goldene und das Dunkle ANSCHEINEND WAREN DIE mittelalterlichen Städtebewohner von einer unersättlichen Gier nach Bildern befallen, eine Gier die die Kirche zu befriedigen und für sich zu nutzen suchte. Kirchen und Kapellen werden nun zu dem Hauptzweck errichtet, Glasfenster und Bilder in sich aufzunehmen. Nach einem bekannten Wort kann der gotische Kirchenbau ab einer gewissen Periode als Schrein für seine Fenster gesehen werden. Parallel dazu entstehen in Italien, wo sich die Gotik nicht durchgesetzt hatte und die Wandflächen daher zur Disposition standen, die Bilderräume der Freskomalerei, bei denen die kultische Funktion des Raumes völlig sekundär wird: der Ausstellungswert überflügelt den Kultwert. Hand in Hand damit geht die Ablösung der Malerei von den architektonischen Vorgaben. Sie füllt nicht mehr einfach den Raum zwischen den architektonischen Gliederungen, sondern gibt sich eigene Grenzen, die in Format und Proportion eine Entwicklung vorwegnehmen, die beim Tafelbild zu dieser Zeit noch nicht vollzogen war. Die Wandfläche wird – natürlich nach Maßgabe der räumlichen Gegebenheiten – in rechteckige Bildflächen aufgeteilt, welche durch schmale Farb- und Ornamentstreifen voneinander getrennt sind. Es sind lauter in sich durchkomponierte Einzelbilder, die nebeneinander auf die Wände gemalt sind, als hätte man Tafelbilder in die Mauer versenkt. Wenn die Trierer Synode von 1310 ein plastisches oder gemaltes Bild des Namenspatrons über oder hinter dem Altar jeder Kirche vorschreibt, worin ein Ausgangspunkt für die Entwicklung des monumentalen Tafelbilds der Neuzeit gesehen werden kann, erscheint dies als Versuch, die Faszination des Bildes dem erlahmten Interesse an den Kulthandlungen dienstbar zu machen. Damit steht das Kunstwerk nun erstmals absolut im Mittelpunkt des Innenraums und des Geschehens; eine Stellung, die bis dahin nur dem Heiligen Kreuz, dem Tabernakel oder dem wundertätigen Heiligenbild zugekommen war, welche aber niemals als Kunstwerke oder als künstlerische Vermittlung der Glaubenswahrheit betrachtet, sondern angebetet, angefleht und verehrt worden waren. |
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