„Erinnern heißt, ganz allein durch ein ausgetrocknetes Flussbett zurückgehen müssen.“
Osip Mandelstam
Wer weiß es: Vielleicht begann alles mit den fliegenden Ziegen in den Arganien-Bäumen? Unser gemeinsamer Schrei im Schnellbus von Marrakesch nach Essaouira, die schwarz-weißen Zottelziegen stehen in den dürren Besensträuchern wie Christbaumschmuck nach Neujahr. Steinwüste rundherum unter dem farblosen Himmel und am Horizont eine wolkenblasse Ahnung von Atlantik. Schrecklich, diese Flurfrevler, in unserem Unwissen. Ein Bild, mein Glück, der Moment des kurzen Erkennens.
Wir sind nach Marokko gereist, in „das Land am äußersten Westen“ und nach Essauoira, as-Sawira auf Arabisch, die schön Gestaltete, die Vollendete schmiegt sich um den afrikanischen Atlantikbusen. Diese Stadt hat wahrscheinlich das schönste Wappen der Welt: 3 Mondsicheln, eine Dattelpalme und eine fedrige Araucaria. Die weißen Häuser, die blauen Türen und türkisen Fensterrahmen sollen den bösen Blick abhalten wie die Händchen der Aisha, Mohammeds Mädchenfrau. Über den bleichen Mauern der Kasbah sticht eine Neumondsichel in den samtblauen Himmel. Von den 36 Synagogen Essauoiras ist nur ein Bethaus geblieben, schreibt der Führer „Richtig reisen“; wir finden es nicht. Tüpfelhyäne und Schreiadler lauern in der Angst, draußen in der Wüste ist alles möglich. Der trockene Sandwind und die Furien der Basarwelt trüben unsere Sinne. Die Katzenkinderzärtlichkeit ist eine günstige Geschäftsanbahnung. Hier endete der Sklavenpfad von Timbuktu und führte auf den Markt, heute gibt es hier nur noch Katzenhaie, Rochen und Sardinen im Angebot, zwischen Booten, auf den Stufen und Felsen des Hafens röcheln sie unter den Anpreisungen der Verkäufer. Die rotäugigen Möwen fangen die Abfälle im Flug, stoßen dabei kalte Lustschreie aus wie gequälte Kinderstimmen, sie stehen im Sturm, die Balance als einzige Lebensbestimmung. |