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Innsbrucker Gespräche
über Ästhetik
2011
Ein Gefühl der Irrealität
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Tizian vollzog als Erster in dieser Radikalität eine
Umkehrung: an die Stelle der genauen, minutiösen Nachahmung der Naturerscheinung tritt bei ihm der Gedanke, dass das Bild Sehanweisungen an den Betrachter gebe, die der Betrachter selbst auf Grund seiner Fähigkeiten zur Gestaltwahrnehmung ergänzen kann, in den Vordergrund. Es wird also nicht mehr detailliert etwas ausgeschildert, sondern seine Präsenz in der visuellen Vorstellung des Betrachters suggeriert. Damit im Zusammenhang steht schon bei Tizian der Gebrauch farbiger Interferenzen, vor allem des optischen Grau für den Bildaufbau, wodurch sich die Bildwirklichkeit trotz des groben Pinselduktus paradoxerweise entstofflicht, zu einer vibrierenden Erscheinung wird, die bei Tizian näher mit dem Bild als Darstellung von etwas Vorgestelltem, bei Velázquez mehr mit der Erscheinung der Dinge in der Refraktion eines Spiegels aus dem dunkleren Hintergrund eines Raumes zu tun hat. Mehr noch: es ist bei ihm so, als würden diese Wesen, Infantinnen und Infanten, König und Königin, nur im Spiegel, in der Spiegelung durch die Malerei existieren und sonst vielleicht gar keine körperliche Lebensrealität haben.
Dass diese, dem repräsentativen und zeremoniellen Charakter der Bilder der Königsfamilie entsprechende Irrealisierung Velázquez bewusst war, zeigen die Portraits von Narren, Idioten und Zwergen (Buffos, Locos, Ninos), bei denen der Realismus der Darstellung stärker an seine früheren Szenen aus dem Volksleben, an die Bodegones, erinnert. |
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Diego Velázquez,
Infant Philipp Prosper, 1659
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