|
||||
|
archiv |
Warnung vor Wagner Georg Wagner, Spectrum, 3. Mai 2003 Copyright Die Presse | Wien pages: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | |
|||
Schlimmer wird die Verfälschung, wenn Bloch die wahre Dimension von Wagners Antisemitismus und Antifeminismus verleugnet. Blochs Erklärung, die Musik der Nazis sei nicht das Vorspiel zu den "Meistersingern", ist zwar in der Nazizeit aus der Perspektive des verfolgten, marxistisch-jüdischen Philosophen verständlich, rechtfertigt aber später nicht seinen Einsatz für einen linken Wagner und das Neu-Bayreuth des Freundes Wieland Wagner, Sohn der nibelungentreuen Hitler-Freundin Winifred Wagner. Blochs Weigerung, an den Bayreuther Festspielen zur Hundert-Jahr-Feier 1976 teilzunehmen, erfolgte nur wegen des Winifred-Wagner-Features von 1975, wo sie offen Propaganda für ihren "Wolf" und Wagners Antisemitismus betrieb.Zu Blochs "Meistersinger"- und "Parsifal"-Analysen lese man etwa die Studien von Marc Weiner und Paul Lawrence Rose - und als Schocktherapie auch noch einmal Hermann Rauschings "Gespräche mit Hitler" von 1940, in denen Hitler Wagner die größte Philosophengestalt nannte, die das deutsche Volk besaß, und das allerdings nicht im Sinne einer Schopenhauerschen Mitleidsphilosophie - sondern als rassistisches Ausleseprinzip des neuen arischen Adels - so Hitlers Wahn, inspiriert durch Wagner -, der herrisch, unerschrockenen und grausam die Welt beherrschen sollte. Die Tatsache, dass Bloch das linke Wagner-Bild in Ost- und Westdeutschland auch durch seine Präsenz auf dem Festspielhügel von 1963 bis 1975 nachhaltig beeinflusste, ist immer noch eines der Tabuthemen mutloser Bayreuth-ergebener Wagner-Forschung. Man nehme die postblochschen Ergüsse von Martin Gregor-Dellin, Walter Jens, Dieter Borchmeyer, Udo Bermbach oder anderer Hofautoren von Neu-Bayreuth wie Wolf Werner aus Leipzig, um die Behauptung bestätigt zu sehen. Interessant ist, wie stark die Konfrontation der beiden deutschen Staaten die Wagner-Forschung von der Errichtung der Mauer bis zu deren Fall, also von 1961 bis 1989, beeinflusste. Der "dekadent-westlich-kapitalistischen" Wagner-Interpretation und Wagner-Privatisierung durch Psychoanalyse und szenische Abstraktion setzte der Arbeiter-und-Bauern-Staat DDR ab dem Jahr 1961 seinen Volksgenossen Wagner als Kämpfer gegen Kaiserreich und Faschismus entgegen. |
||||