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Warnung vor Wagner
Georg Wagner, Spectrum, 3. Mai 2003
Copyright Die Presse | Wien
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Fern von allzu vordergründigen ideologischen Zuordnungen findet man einen sinnvollen Interpretationsschlüssel zu Wagner in der Studie "Der Wahnsinn der Normalität" des Psychoanalytikers Arno Gruen. Da man die Erhaltung der eigenen Macht bei Wagner als zentrales Persönlichkeitsmerkmal zu begreifen hat, hilft Gruens Analyse des Sozialverhaltens mächtiger Männer weiter. Gruen entlarvt die Fassade von Güte und Freundlichkeit bei Machtmenschen: "Selbstmitleid, das als Leiden ausgegeben wird. Es ist Bestand der faschistischen Persönlichkeit, sollte aber nicht einer bestimmten Ideologie zugeordnet werden, denn dieser Persönlichkeitstyp findet sich überall, wo Macht ausgeübt wird. Die äußeren Feinde, die unermüdlich vermehrt werden. Sie sind der Indikator für die Flucht vor den inneren Phantomen und der Versuch, die latente Hassbereitschaft in der Bevölkerung, die auf der Allgegenwart des Selbstbetrugs beruht, zu schüren und für sich zu nutzen.

"Das Ergebnis wissenschaftlicher Auseinandersetzungen mit dem rechten Wagner-Kult ist, trotz aller Widerstände einiger korrupter Akademiker mit Bayreuth-Nähe, hinreichend bekannt: Die Folgen von Antisemitismus, Nationalismus und Antifeminismus bei Wagner und deren geschichtliche Folgen als Bestandteil des Nationalsozialismus sind Bestand der Forschung. Tabu hingegen bleiben bis heute Fragen, wie es zur linken Wagner-Kultfigur kommen konnte. Der Grund darin liegt in den Begriffs- und Gefühlsverwirrungen Wagners und der ideologischen Manipulierbarkeit unter austauschbaren Vorzeichen, die sich sowohl in den Werken als auch in der Biografie nachweisen lassen.

Aufschlussreich für linke Wagner-Deutungen bis hin zu Ernst Bloch, so meine ich, könnte - ein Beispiel - die ideologische Wertschätzung von Wagner durch den sowjetischen Volkskommissar für das Bildungswesen und einflussreichen marxistischen Dichter Anatoli Lunatscharski werden. Lunatscharski war Lenins Mitarbeiter in der Emigration von 1906 bis 1917, dann Minister für Bildungswesen unter Lenin und Stalin und sollte 1933 Botschafter in Spanien werden, starb aber auf dem Weg dahin. Er war Eklektiker, schätzte und förderte im Sinne der marxistischen Theorie die revolutionären Futuristen in Italien und Russland und die proletarische Literatur.

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