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Warnung vor Wagner
Georg Wagner, Spectrum, 3. Mai 2003
Copyright Die Presse | Wien
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Seine konfusen Weltanschauungen, sein gedanklicher Wirrwarr, das Vage an Mann und Werk laden regelrecht dazu ein: Richard Wagner als Kultfigur rechter wie auch linker Erlösungsideologien. EIN ARTIKEL VON GEORG WAGNER

Mit gutem Recht, meine ich, weist der Politologe Jean-Marie Guéhenno darauf hin, dass es in den bestehenden Demokratien "keinen politischen Raum als Ort kollektiver Solidarität" gibt, sondern nur vorherrschende Wahrnehmungen, die ebenso flüchtig sind wie die Interessen, durch die sie gelenkt werden: "Atomisierung und Homogenisierung zur gleichen Zeit. Eine Gesellschaft, die sich in immer kleinere Fragmente teilt, ohne Erinnerung und ohne Solidarität, eine Gesellschaft, die ihre Einheit nur in der Aufeinanderfolge von Bildern ihrer selbst findet, die ihr die Medien Woche für Woche vorsetzen. Eine Gesellschaft ohne Bürger und daher letztlich eine Nichtgesellschaft."

Es scheint auf den ersten Blick ein anachronistisches Unterfangen, Richard Wagners Weltanschauungen mit den heutigen modernen Nichtgesellschaften in Verbindung bringen zu wollen. Und dennoch: Wagner hat - und sei es durch die fragmentarische Verwendung seiner Musik in Fernsehen und Radio - bis heute beachtliche emotionale Wirkungen auf ein breites Publikum, und das mit allen ideologischen Facetten. Man denke da beispielsweise nur an den stereotypen Einsatz des "Brautmarschs" aus "Lohengrin" für Happy-End-Filmkitsch oder an geile Gewaltszenen in Verbindung mit dem "Walkürenritt" in Francis Ford Coppolas "Apocalypse now" (mit Bildern mörderischer Attacken auf die vietnamesische Zivilbevölkerung). Auf den Punkt gebracht, ließe sich sagen: Wagners Musik ist beliebig und zusammenhangslos einsetzbar geworden zur Schaffung und Entladung starker Emotionen von Massenkonsumenten.

Es geht mir hier um die Zurückgewinnung von Erinnerung und um eine kritische Neudefinition von Solidarität am Beispiel Wagner. Erinnern heißt auch im Falle Wagner: seine Bedeutung und Wirkung historisch und psychologisch transparent zu machen. Daher zunächst eine Skizze der historischen Bedeutung Wagners für die Oper und die Gesellschaft des 19. Jahrhunderts.

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