|
||||
|
archiv |
Unbewältigte Vergangenheiten Der Künstler als Ideologe: ein Gespräch mit dem Politikwissenschaftler Michael Ley Michael Fleischhacker, Die Presse, 9. Mai 2003 Copyright Die Presse | Wien pages: 1 | 2 | 3 | |
|||
Als einen der Ausläufer dieser Linie sieht Michael Ley den Wiener Aktionismus, in dem auch totalitäres Gedankengut gebündelt worden sei. Der "große Fehler der Nazikinder" habe darin bestanden, zu glauben, sie seien antinazistisch und das sei schon genug. Dass sie selbst totalitäre Ideen entwickelten, nur eben auf der anderen Seite des ideologischen Spektrums, sei ihnen entgangen."Geradezu unappetitlich" findet es Ley deshalb, dass im kommenden Herbst das Wiener Museum für angewandte Kunst (MAK) unter Peter Noever eine Otto Mühl-Ausstellung unter dem Titel "Das Leben - ein Kunstwerk" bringen wird. Hier gehe es offensichtlich um "letzte Versuche, der Liberalisierung der Gesellschaft noch einmal etwas entgegenzuhalten", und um das Bedürfnis, "in einer trotzig-pubertären Art und Weise den alten Genossen die Stange zu halten, statt aufklärend zu wirken." Dass "alte Männer wie Noever" sich für "hagiografische Arbeiten" für jemanden wie Mühl hergeben, zeige, dass es auch in der Söhne-Generation einen Bedarf an Vergangenheitsbewältigung gebe. Wenig Hang zur AvantgardeDerzeit, meint Ley, stellt sich die Frage nach dem totalitären Potenzial avantgardistischer Kunst ohnehin nicht, weil die zeitgenössische Kunst nicht mehr avantgardistisch sein wolle. Heute hätten wir es mit einer Kunst zu tun, die wenig politische Inhalte habe und gar nicht politisch sein wolle. Eine Renaissance des Avantgardismus könne man nicht ausschließen, allerdings, so Ley, wäre das dann eher der Rückfall in eine unreflektierte Bewegung. Die Kunst habe sich heute darauf verständigt, dass sie kritisch sein müsse, dass sie sich aber davor hüten müsse, sich im Sinn von Ideologien zu politisieren, die das Recht auf Festlegung gesellschaftlicher Vorgaben in Anspruch nehme. |
||||