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Symposium: Der Mythos, das Werk und die Macht
Michael Fleischhacker, Kultur News, 12. Mai 2003
Copyright Die Presse | Wien
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Der nächste Mythos?

Anselm Kiefer, einer der großen zeitgenössischen Künstler Deutschlands, zeigte in seinem abschließenden Gespräch mit dem Kulturphilosophen Thomas Macho, wie vital der richtige Umgang mit dem Mythos für die Kunst ist - so lange man ihn nicht als "Handlungsanleitung missversteht." Mehr Wissen, sagt Kiefer, erzeuge automatisch einen immer größer werdenden Raum des Nichtwissens, darum könnten wir ohne den Mythos nicht leben. "Sonst kommt er durch die Hintertür wieder herein, und dann kann er gefährlich werden."

Als exemplarischen Fall diskutierten Kiefer und Macho die Bedeutung der Gnosis. Beide warnten davor, den Begriff "gnostisch" prinzipiell im denunziatorischen Sinn zu verwenden. Der aggressive Licht-Finsternis-Dualismus, der im Allgemeinen damit gemeint ist, sei zwar charakteristisch für den Manichäismus, der wiederum stehe nur am Rand der Gnosis selber. Der "Vulgärmanichäismus" freilich sei auch heute noch verbreitet, hauptsächlich in Amerika.

Kiefers enzyklopädische Gnosis-Kenntnisse verkörpern implizit das Gegenmodell zu den Herrschafts- und Weltverbesserungsfantasien der Surrealisten und anderer Avantgardisten. Es erlaubt ihm, mit dem Mythos zu arbeiten, ohne ihm zu verfallen. Denn die Gefahr, in den Mythos zu kippen und sich als dessen priesterlicher oder herrscherlicher Vervollständiger zu interpretieren, sinkt mit dem Umfang des Wissens.

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