International ist die Debatte über die weltanschaulichen Hintergründe der Avantgarden der 'klassischen' Moderne längst entfacht. Die Avantgarden haben im Zuge dieser Auseinandersetzung die politische Unschuld verloren, die ihnen nach 1945 zuerkannt worden war. Der russische Konstruktivismus hat sich ebenso als ein Weggenosse der totalen Utopie des Sowjetkommunismus wie der Futurismus als wichtiger Propagandist des italienischen Faschismus erwiesen. Ideologische und politische Berührungspunkte zwischen Expressionismus, Abstrakten und dem Nationalsouialismus in Deutschland sind aufgezeigt worden. Die spätere Ablehnung dieser Richtungen durch Stalin und Hitler war keineswegs dem Widerstand der Avantgardekünstler gegen diese Diktaturen geschuldet.
Es handelt sich nicht um eine bloße Indienstnahme der Künste durch die Politik, nicht um einen einfachen Opportunismus der Künstler. Hinter der unbedingten Verabsolutierung des 'Ausdrucks' und der 'reinen Form' stehen strukturelle und inhaltliche Übereinstimmungen der Künstler mit den Totalitarismen und den radikalen Religionen des 20. Jahrhunderts. Die romantische Auseinandersetzung mit dem Mythos schlägt vollends um in einem vernunftfeindlichen Irrationalismus, gnostische Denkstrukturen und apokalyptische Erlösungsphantasien ziehen die Künstler sowie die politischen Führer und Ideologen in ihren Bann. Antikapitalismus, Ablehnung des 'stumpfen Materialismus' der bürgerlichen Gesellschaft, rassistischer Antijudaismus gehen in diesem geistigen Milieu ineinander über. Nicht Zivilisierung fragil gewordener gesellschaftlicher Identitaeten, sondern die Überwindung des 'alten' Menschen zu einer 'höheren Gattung' ist das Ziel dieser Bewegungen, die jedoch in apokalyptischen Massentötungen gipfeln und zu den Konzentrationslagern führten.
Das Symposium wird sich auch mit dem Fortwirken und der Transformation dieser Ideologien nach 1945 befassen. Bis heute lassen sich avantgardistische Künstler auf diese politische und ästhetische Gratwanderung ein, wobei sie die Freiheit der Kunst über alles stellen. Das Symposium soll dazu dienen, die Positionen der abstrakten Kunst der Nachkriegszeit, des Wiener Aktionismus und der heutigen 'Gegenwartskunst'unter diesen Gesichtspunkten zu befragen. Heute befinden wir uns am Ende der Moderne, damit stellt sich die Frage nach dem Selbstverständnis der Kunst in nachmodernen Gesellschaften. |